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John Kerry vor dem Senatsausschuss

John Kerry vor dem Senatsausschuss  
Thomas Arghvone
From:Thomas Arghvone
Subject:John Kerry vor dem Senatsausschuss
Date:25 Oct 2004 05:43:59 -0700
Aussage des Vietnam-Veteranen John Kerry vor dem
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US-Senatsausschuss für auswärtige Beziehungen (1971)
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Vorbemerkung: Im April 1971 wurde in Washington
über mehrere Gesetzesvorschläge zur amerikanischen
Vietnampolitik beraten, als der Senatsausschuss für
Auswärtige Beziehungen unter dem Vorsitz des Senators
von Arkansas, William Fulbright (Demokratische Partei),
eine Zeugenanhörung eröffnete. Am dritten Tag dieses
Hearings, am 22. April 1971, kam der Zeuge John Kerry
zu Wort. Kerry war zu jener Zeit Repräsentant der
»Vietnam Veterans Against the War« (WAW, Vietnam-
Veteranen gegen den Krieg), einer Organisation, die
gegen die Fortsetzung des Krieges in Vietnam kämpfte.
Das »Statement of Mr. John Kerry« wurde von Beate Koglin
übersetzt und ist im Original abgedruckt in: Legislative
Proposals Relating to the War in Southeast Asia,
Hearings before the Committee on Foreign Relations,
United States Senate, Ninety-Second Congress,
First Session (April-May 1971), Washington: Government
Printing Office, 1971, S. 179-185.
Dem »Statement« geht eine Begrüßung des Zeugen
durch Senator Fulbright voraus, die hier nicht wiedergegeben
wird. Die Zwischenüberschriften stammen von den
Herausgebern der Original vorläge.

Aussage von Mr. John Kerry
==========================
Haben Sie herzlichen Dank, Senator Fulbright,
Senator Javits, Senator Symington, Senator Pell.
Ich möchte zu Protokoll geben und dabei zugleich
für die Männer hinter mir sprechen, die ebenfalls ihre Uniformen
und ihre Auszeichnungen tragen, dass mein Auftritt hier durchaus
symbolisch zu verstehen ist. Ich bin nicht als John Kerry
hier. Ich bin hier als Mitglied einer Gruppe von Tausend,
die ihrerseits eine weitaus größere Gruppe von Veteranen
in diesem Land repräsentiert. Und wenn es möglich wäre,
dass sie allesamt hier mit am Tisch sitzen könnten, so
wären sie alle hier und würden das gleiche Zeugnis ablegen.
Ich möchte allerdings nur in sehr allgemeiner Form
sprechen. Und ich bitte um Entschuldigung, wenn meine
Erklärung so allgemein ausfällt, aber ich habe die
Benachrichtigung, dass Sie mich heute hier anhören würden,
gestern erst erhalten, und ich fürchte, ich habe wegen
dieser Vorladung die ganze Nacht kein Auge zugetan.
Keine reelle Chance, mich vorzubereiten.

WINTERSOLDATEN
==============
Ich möchte hier also sprechen und dabei alle diese
Veteranen mit vertreten. Und ich möchte Ihnen zunächst
zur Kenntnis bringen, dass wir vor einigen Monaten in
Detroit eine Untersuchung durchgeführt haben, bei der
mehr als 150 ehrenhaft entlassene Vietnamkämpfer,
viele von ihnen hoch dekoriert, Zeugnis abgelegt haben
von Kriegsverbrechen, die in Südostasien begangen
wurden. Ihrem Zeugnis zufolge handelte es sich nicht
um isolierte Begebenheiten, sondern um Verbrechen,
die alltäglich sowie unter den Augen von Offizieren aller
Befehlsebenen stattfanden. Ich bin nicht imstande, Ihnen
genau zu beschreiben, was sich in Detroit abge-
spielt hat, welche Erregung den Raum erfüllte, was die
Männer empfanden, die ihre Erlebnisse noch einmal
durchlebten. Aber sie taten genau dies, sie durchlebten
noch einmal den absoluten Horror, den unser Land sie
gewissermaßen exekutieren ließ.
Sie erzählten Geschichten, deren Akteure sie selber
waren, davon, dass sie vergewaltigt haben, dass sie
Ohren oder ganze Köpfe abgeschnitten haben, dass sie
die Kabel ihrer tragbaren Telefone an die Genitalien ihrer
Opfer angelegt und unter Strom gesetzt haben, dass sie
Arme und Beine abgehackt, ganze Körper in die Luft
gesprengt, wahllos auf Zivilisten geschossen, das Vieh
und die Hunde aus Jux abgeknallt sowie Dörfer in einer
Weise dem Erdboden gleichgemacht haben, die nur an
Dschingis Khan erinnert. Sie haben in Südvietnam Feld
und Flur durchweg verwüstet, und diese Verwüstungen
kommen zu den normalen Kriegszerstörungen, vor allem
denen infolge der ständigen schweren Bombardements,
noch hinzu.
Wir nennen unsere Untersuchung »Winter Soldiers
Investigation«. Den Ausdruck »Wintersoldaten« verwenden
wir analog zu einer Metapher von Thomas Paine, der
[im Revolutionsjahr] 1776 von den »Sonnenscheinpatrioten«
und »Sommersoldaten« sprach, die sich bei Valley Forge
davongemacht haben, weil ihnen das Weitermachen
nur Plackerei gewesen wäre.
Wir sind hierher nach Washington gekommen, weil wir
das Gefühl haben, dass wir nun Wintersoldaten zu sein
haben. Wir könnten einfach in dieses Land zurückkehren,
könnten Stillschweigen und Ruhe bewahren und
brauchten niemandem zu erzählen, was in Vietnam tat-
sächlich vor sich ging. Aber wir fühlen, dass die Bedrohung,
der dieses Land ausgesetzt ist, von unseren eigenen
Verbrechen kommt. Unser Land wird nicht von den Roten
bedroht, sondern von den Verbrechen, die wir selber
begangen haben. Und das müssen wir offen aussprechen.

WAS DIE RÜCKKEHRER EMPFINDEN
============================
Ich möchte zu Ihnen ein wenig über den Nachhall der
Gefühle sprechen, die diese Männer seit ihrer Rückkehr
aus Vietnam mit sich herumtragen. Das Land hat davon
noch gar nichts zur Kenntnis genommen, doch da ist
etwas Monströses entstanden, ein Monster in Gestalt
von Millionen von Männern, die man gelehrt hat, sich
ganz und gar in Gewalt zu ergehen, denen man die Chance
gegeben hat, für das größte Nichts der Geschichte zu
sterben, und die nun im Zorn zurückgekehrt sind sowie
in dem Gefühl, Betrogene zu sein, einem Gefühl, das
noch keiner von ihnen verarbeitet hat.
Als Veteran und damit als einer, der solchen Zorn empfindet,
möchte ich diesen auch zum Ausdruck bringen. Wir sind
zornig, weil wir das Gefühl haben, dass wir von der Regierung
dieses Landes auf das Übelste benutzt worden sind.
Vizepräsident Agnew sagte 1970 in West Point: »Manch
einer verherrlicht die kriminellen Außenseiter unserer
Gesellschaft, während unsere besten Männer in den
Reisfeldern Asiens ihr Leben lassen für den Erhalt der
Freiheit, welche die meisten dieser Außenseiter missbrauchen.«
Das war gedacht als eine Art Sammelpunkt für unsere
Bemühungen in Vietnam.
Doch für uns, als Jungs in Asien, die von ihrem Land doch
unterstützt werden sollten, ist dieses Statement eine
schreckliche Verzerrung, die in uns nur tiefe Abscheu aufkommen
lässt; daher die Wut bei einigen der Männer, die heute
hier in Washington sind. Eine schreckliche Entstellung,
weil wir uns selbst keineswegs als die besten Männer dieses
Landes erachten, weil jene, die unser Vizepräsident
Außenseiter nennt, für uns aufgestanden sind auf eine
Weise, wie es niemand sonst in diesem Land sich getraut
hätte; weil so viele derer, die gefallen sind, in dieses Land
zurückgekehrt sein würden, um jene Außenseiter in ihrer
Forderung nach einem sofortigen Rückzug aus Vietnam zu
unterstützen; weil so viele dieser besten Männer als
Gelähmte und Amputierte zurückgekehrt sind und allein
gelassen in Veteranenhospitälern liegen, auf denen
ebenjene Fahne weht, die so viele sich zu ihrem persönlichen
Symbol erkoren haben. Und wir können uns nicht als Amerikas
beste Männer erachten, da wir Scham ebenso wie Hass
empfinden angesichts dessen, was uns in Südostasien zu
tun befohlen ward.
Unserer Auffassung und unseren Erfahrungen zufolge geschieht
in Vietnam nichts, aber auch gar nichts, was für die Vereinigten
Staaten von Amerika eine reelle Bedrohung darstellen könnte.
Und der Versuch, den Tod auch nur eines Amerikaners in
Vietnam, Kambodscha oder Laos mit dem Argument der
Verteidigung der Freiheit zu rechtfertigen, erscheint uns als
der Gipfel der Heuchelei, und es ist diese kriminelle
Heuchelei, die unser Land auseinander reißt.
Ich will nun nicht auf die außenpolitischen Aspekte
zu sprechen kommen, weil ich hier deklassiert bin.
Ich weiß, dass Sie alle über jede nur erdenkliche Alternative
des Rückzugs aus Vietnam diskutieren. Wir verstehen das.
Wir wissen, dass Sie die Ernsthaftigkeit des Problems bis
zum Äußersten erwogen haben, und ich will das nicht im
Geringsten bezweifeln. Aber ich will Ihnen nahe bringen,
was viele der in dieses Land zurückgekehrten Männer
empfinden. Denn unser Zorn richtet sich vor allem gegen das,
was man uns über Vietnam und diesen geheimnisvollen
Krieg gegen den Kommunismus erzählt hat.
WAS VIETNAM UNS GELEHRT HAT Wir mussten feststellen,
dass dies nicht nur ein Bürgerkrieg war, nicht nur ein seit
Jahren währender Befreiungskampf gegen jedwede
kolonialistische Beeinflussung. Wir mussten vielmehr erkennen,
dass die Vietnamesen, die wir geradezu enthusiastisch nach
unserem eigenen Bild gezeichnet hatten, genötigt wurden,
gegen eine Bedrohung zu kämpfen, vor der wir sie angeblich
bewahren würden.
Wir mussten feststellen, dass die meisten Leute nicht
einmal den Unterschied zwischen Kommunismus und
Demokratie kannten. Diese Leute wollten lediglich auf ihren
Reisfeldern arbeiten, ohne dass die Bordwaffen der
Helikopter sie beschießen und Napalmbomben ihre Dörfer
in Brand setzen. Sie wollten von allem, was mit diesem
Krieg und zumal mit der Präsenz der Vereinigten Staaten
von Amerika zu tun hatte, in Frieden gelassen werden, und
ihre Überlebenskunst bestand schließ-

lieh nur darin, dass sie sich jeweils mit denjenigen militärischen
Kräften arrangierten, die vor Ort gerade das Sagen hatten,
seien dies die Vietcong, die Nordvietnamesen oder die
Amerikaner.
Wir stellten ebenso fest, dass in jenen Reisfeldern Amerikaner
allzu oft nur deshalb starben, weil es ihnen an Unterstützung
seitens ihrer Verbündeten mangelte. Wir sahen unmittelbar,
wie amerikanische Steuergelder einem korrupten diktatorischen
Regime zugute kamen. Wir sahen, dass viele Menschen
hierzulande eine recht einseitige Vorstellung davon hatten,
wem unsere Flagge Freiheit beschert, derweil schwarze
Amerikaner den höchsten Anteil an den Gefallenen hatten.
Wir sahen mit an, dass dieses Vietnam von amerikanischen
Bomben ebenso wie von Zerstörungsmissionen zu Lande
im selben Maße verwüstet wurde wie vom Terror der
Vietcong, derweil wir immer nur hörten, diese Verwüstungen
gingen allein auf das Konto der Vietcong.
Wir zerstörten Dörfer unter dem Vorwand, sie zu retten.
Wir sahen, wie Amerika jeden Hauch von Moral verlor,
als es, ganz und gar kaltblütig, das Massaker von My Lai
einfach hinnahm und sich weigerte, das Klischee vom
amerikanischen Soldaten, der Schokolade und Kaugummi
verteilt, endlich aufzugeben.
Wir lernten, was »Feuer-Frei-Zone« bedeutet, indem wir
auf alles schössen, was sich bewegte, und wir erkannten,
für wie wertlos unser Land das Leben solcher Asiaten
erachtete.
Wir erlebten diese ewige Falschmünzerei beim Leichenzählen,
das Leichenzählen wurde geradezu glorifiziert. Monat für Monat
hörten wir sagen, dass dem Feind
alsbald das Rückgrat würde gebrochen sein. Wir kämpften gegen
orientalische menschliche Wesen< und gebrauchten dabei Waffen,
die, wie ich fest glaube, unser Land nicht im Traum bei einem Kampf
auf der europäischen Bühne oder sonst wo außerhalb der Dritten
Welt in Gebrauch nehmen würde.
Wir beobachteten Männer, die einen Hügel erstürmten, weil ein
General ihnen sagte, dass dieser Hügel einzunehmen sei, und die,
nachdem sie einen oder zwei Züge ihrer Kompanie verloren hatten,
wieder abmarschierten, um die Höhe den Nordvietnamesen zur
erneuten Besetzung zu überlassen. Und es war nur falscher Stolz,
der es uns erlaubte, die nutzlosesten Schlachten bis ins Extravagante
aufzublasen. Konnten wir doch nicht verlieren und uns nicht
zurückziehen, und sollte es doch keine Rolle spielen, wie viele
tote Amerikaner es kosten würde, um uns das zu beweisen. Und
so gab es dann »Hamburger Hügel« und »Khe Sanh« und
»Hügel 881« und »Feuerbasis 6« und unzählige andere mehr.
Mittlerweile sagt man uns, dass die Männer, die da gekämpft
haben, Ruhe bewahren sollen, während weiterhin Amerikaner
ihr Leben lassen, damit wir die Idee der Vietnamisierung des
Vietnamkrieges, diese unglaubliche Arroganz, in die Tat
umsetzen können. Mit jedem Tag, an dem die Vereinigten
Staaten weiterhin sich Vietnam von den Händen waschen,
hat irgendwer sein Leben hinzugeben, damit wir nur ja nicht
einräumen müssen, was die ganze Welt ohnehin schon weiß,
dass wir einen Fehler gemacht haben. Irgendwer muss sterben,
weil Präsident Nixon, wie er selbst sagt, nicht der erste Präsident
sein will, der einen Krieg verliert.
Wir fordern die Amerikaner auf, sich das einmal vor Augen zu
führen: Wie kann man von einem Mann verlangen, der letzte
Mann zu sein, der in Vietnam stirbt, der Letzte, der für einen
Fehler stirbt? Aber wir sind im Begriff, genau das zu tun, und
wir tun es mit Tausenden von Rechtfertigungen. Und wenn Sie
des Präsidenten jüngste Rede vor dem Volk dieses Landes
sorgfältig lesen, können Sie sehen, dass er ganz klar sagt:
»Aber der Kernpunkt, Gentlemen, der Kernpunkt heißt
Kommunismus, und die Frage ist, ob wir dieses Land den
Kommunisten ausliefern oder versuchen, dem Volk die Hoffnung
auf Freiheit zu geben.«
Tatsache aber ist, dass die Vietnamesen derzeit, unter unserem
Schirm, nicht ein freies Volk sind. Sie sind kein freies Volk, und
wir unsererseits können nicht auf der ganzen Welt den
Kommunismus bekämpfen. Ich finde, wir sollten diese Lektion
endlich gelernt haben.

UNERWÜNSCHTE VETERANEN
======================
Doch das Problem der Veteranen reicht über den persönlichen
Konflikt hinaus. Man erinnert sich jenes Posters mit dem Bild von
Uncle Sam, und dieses Bild sagt: »I want you.« Und ein junger
Mann kommt gerade von der High School und denkt sich:
»Schön, werd' ich also meinem Vaterland dienen.« Also geht
er nach Vietnam und schießt und tötet und tut seinen Job, oder
vielleicht tötet er auch nicht, vielleicht geht er nur hin und
kommt irgendwie wieder zurück, aber wenn er zurückkehrt in
dieses Land, dann spürt er, dass er eigentlich nicht erwünscht
ist. Die Vietnam-Veteranen weisen die höchste
Arbeitslosigkeit auf, und wiederum ein Drittel dieser arbeitslosen
Veteranen sind Schwarze. Zwar variieren die genauen Zahlen je
nach Quelle, im einen Fall sind 15, im anderen bis zu 22 Prozent
aller Veteranen arbeitslos. In jedem Fall jedoch sind die arbeitslosen
Veteranen der größte Block unter den amerikanischen Arbeitslosen.
Einer von zehn amerikanischen Arbeitslosen ist Veteran des
Vietnamkrieges.
Quer durchs Land sind die Hospitäler den Anforderungen nicht
gewachsen. Nicht, dass sie es nicht versuchten, aber ihnen fehlen
die Ressourcen. Jüngst starb in Kalifornien ein Veteran nach einem
Luftröhrenschnitt, nicht an der Operation selbst, sondern weil
hernach das Pflegepersonal fehlte, um den Tubus von
Schleimrückständen zu reinigen, weshalb der Mann erstickte.
Anderntags starb ein anderer junger Mann in einem Hospital in
New York. Ein Freund von mir lag nur zwei Betten weiter und
versuchte ihm zu helfen. Doch er scheiterte, er klingelte und
rief nach dem Pflegepersonal, und niemand ward gesehen,
weshalb der Mann unter Krämpfen zugrunde ging.
Wie ich höre, reden 57 Prozent der Veteranen in den Hospitälern
von Selbstmord, 27 Prozent haben es versucht, und sie
versuchen es, weil sie zurückgekehrt sind in dieses Land und
sich nun mit alldem konfrontieren müssen, was sie in Vietnam
angerichtet haben, um freilich dann auf nichts als Gleichgültigkeit
zu stoßen, auf die Indifferenz eines Landes, das mit alldem nichts
zu tun haben will, absolut nichts zu tun haben will.

KEINERLEI ENTRÜSTUNG IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
===============================================
Und so stehen wir vor einer Situation, bei der einem übel werden
kann: Es gibt keine moralische Empörung in diesem Land,
oder falls doch, so kommt sie von Leuten, die infolge all
ihrer früheren Unwillensbekundungen schon fast keine Kraft
mehr haben, wie viele der Männer, die hier versammelt sind.
Das Land liegt danieder, du sagst »Laos« und vernimmst nur
Achselzucken, ganz so wie die Leute siebenhunderttausend Tote
in Pakistan, das so genannte größte Desaster aller Zeiten, mit
einem Achselzucken abtun.
Aber wir Veteranen glauben, dass dies hier das größte Desaster
aller Zeiten ist, weil da drüben weiterhin gestorben wird. Amerikaner
sterben da und Vietnamesen, und nun erörtern wir, das Land
zu verlassen, damit die Einheimischen noch auf Jahre hinaus
sich gegenseitig umbringen können.
In Amerika scheint man sich mit der Vorstellung anzufreunden,
dass dieser Krieg zumindest für uns Amerikaner zurückgeschraubt
werden könne, und man scheint es ebenso hinzunehmen,
dass die Leichen, die man bislang in die Statistik gepackt hat,
um vom bevorstehenden Sieg zu künden, nun nur noch davon
zeugen, dass es da Männer gab, die Befehlen gefolgt sind.
Wir Veteranen können es zudem nur mit Verwunderung zur
Kenntnis nehmen, wie sehr dieses Land sich weigert zu sehen,
dass es absolut keinen Unterschied gibt zwischen Bodentruppen
und Helikopter-Mannschaften. Die Regierung behauptet einen
solchen Unterschied, und da wir in Laos keine Bodentruppen
haben, ist es völlig okay, die Laoten per Fernsteuerung abzu-
knallen. Aber glauben Sie mir, diese Hubschrauberleute füllen
dieselben Leichensäcke und richten dieselben Verwüstungen in
der laotischen Landschaft an. Und der Präsident redet davon,
dass dergleichen noch viele Jahre so weitergehen wird. Da muss
man sich doch fragen, ob wir wirklich erst dann zufrieden sein
werden, wenn wir in Hanoi einmarschieren.

DER KONGRESS MUSS TÄTIG WERDEN
==============================
Wir fordern hier in Washington, dass der Kongress der Vereinigten
Staaten von Amerika in Aktion tritt. Der Kongress hat die Macht,
Armeen aufzustellen und zu unterhalten, und er hat das
verfassungsmäßige
Recht, einen Krieg zu erklären.
Wir wenden uns weniger an den Präsidenten als vielmehr an
diese Körperschaft, weil nur sie sich vor dem Willen des Volkes
verantworten kann. Und wir sind der festen Überzeugung, dass
der Wille des Volkes nur eines sagt: Unverzüglich raus aus Vietnam.
WEITERUNGEN DES PROBLEMS
Wir wollen hier in Washington auch darauf hinweisen, dass das
Problem dieses Krieges nicht allein eine Frage von Politik und
Diplomatie ist. Es ist vielmehr integraler Bestandteil aller
zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Land. Da ist
beispielsweise das Problem des Rassismus, der sich beim Militär
zügellos austobt. Da ist die Heuchelei im Hinblick auf die
Genfer Konvention, auf die wir uns beziehen, um die Fortsetzung
des Krieges zu rechtfertigen, obwohl wir selbst mehr als alle anderen
diese Konvention verletzen, in den >Feuer-Frei-Zonen<, mit
unseren Bombardements und gezielten Verwüstungsaktionen,
mit dem Foltern und Töten von Gefangenen, und was sonst noch
die akzeptierte Politik unserer Einheiten in Südvietnam sein mag.
Ein amerikanischer Indianer, ein Freund von mir, Angehöriger
der indianischen Nation von Alcatraz, hat es mir gegenüber
einmal auf den Punkt gebracht. Er erzählte mir, wie er als
Kind in seinem Reservat vor dem Fernseher gesessen und
immer wieder Cowboys gesehen hat, die Indianer erschießen.
Und nun, in Vietnam, kam er plötzlich zu sich und sagte:
»Mein Gott, ich tu diesem Volk genau dasselbe an, das
meinem Volk angetan worden ist.«

WO SIND DIE FÜHRER?
===================
Wir sind ebenfalls hier, um mit Nachdruck zu fragen: Wo sind
die Führer unseres Landes? Wo sind McNamara, Rostow,
Bundy, Gilpatric und all die anderen? Wo sind sie nun, da wir,
die Männer, die von ihnen in den Krieg geschickt wurden,
heimgekehrt sind? Diese Leute gleichen Kommandeuren, die
ihre Truppen im Stich gelassen haben, und das ist, gemäß
den Regularien der Kriegsführung, das schlimmste Verbrechen
überhaupt. Die Armee sagt, dass sie niemals ihre Verwundeten
im Stich lässt. Die Marines sagen, dass sie nicht einmal ihre
Toten zurücklassen. Die politischen Führer unseres Landes
jedoch haben die Gefallenen ebenso wie die Zurückgekehrten
unter dem Schutz und Schirm der öffentlichen Rechtschaffenheit
im Stich gelassen. Sie haben das Kernstück ihrer Reputation
unter der Sonne dieses Landes ausbleichen lassen.


DIE REGIERUNG VERSTÖSST DIE VETERANEN
=====================================
Schlussendlich: Diese Regierung bedenkt uns nur mit Schimpf
und Schande. Sie verweigert uns jede Anerkennung für die Opfer,
die wir für dieses Land gebracht haben. In ihrer Blindheit und ihrer
Furcht versucht sie zu leugnen, dass wir Veteranen sind und in
Vietnam gekämpft haben. Aber wir haben es nicht nötig, dass
die Regierung für uns in den Zeugenstand tritt. Unsere Traumata
und unsere Narben und unsere zu Stumpen verkommenen
Gliedmaßen sind Zeugen genug, für uns selber ebenso wie für andere.
Wir wünschten uns einen barmherzigen Gott, der unsere
Erinnerungen an unseren Vaterlandsdienst mit derselben Leichtigkeit
wegwischen würde, wie die Regierung sich die Erinnerung an uns
von der Brille pustet. Doch die Verantwortlichen können uns
verleugnen, wie sie wollen, sie machen uns damit nur umso mehr
klar, was unsere ureigenste Bestimmung, ja, unsere Mission ist:
nämlich die letzte Wurzel dieses barbarischen Krieges aufzuspüren
und auszuheben, unsere Herzen zu befrieden, den Hass und
die Furcht zu besiegen, die unser Land in den letzten zehn
und mehr Jahren so sehr beherrscht haben. Auf dass dann,
vielleicht in dreißig Jahren, unsere Brüder durch die Straßen gehen,
dem einen fehlt ein Arm, dem anderen ein Bein, und ein dritter
hat eine Fratze statt eines Gesichts, und kleine Jungs
196
kommen und fragen, warum, und wir dann imstande sind zu
sagen: »Vietnam.« Und dass wir das dann ohne Ausflüchte sagen
und ohne diese obszönen Erinnerungen, sondern in dem klaren
Bewusstsein, dass Vietnam der Ort war, an dem Amerika endlich
zur Umkehr gefunden hat, und dass es Soldaten wie wir waren,
die Amerika zur Umkehr verholfen haben.
Ich danke Ihnen.


zitiert nach: Martin Schwarz: "John Kerry. Amerikas Chance", Knaur
Taschenbuch Verlag, Juni 2004, ISBN 3-426-77791-6, Anhang, Seiten
183-197
   

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