 | Aussage des Vietnam-Veteranen John Kerry vor dem ------------------------------------------------ US-Senatsausschuss für auswärtige Beziehungen (1971) ----------------------------------------------------
Vorbemerkung: Im April 1971 wurde in Washington über mehrere Gesetzesvorschläge zur amerikanischen Vietnampolitik beraten, als der Senatsausschuss für Auswärtige Beziehungen unter dem Vorsitz des Senators von Arkansas, William Fulbright (Demokratische Partei), eine Zeugenanhörung eröffnete. Am dritten Tag dieses Hearings, am 22. April 1971, kam der Zeuge John Kerry zu Wort. Kerry war zu jener Zeit Repräsentant der »Vietnam Veterans Against the War« (WAW, Vietnam- Veteranen gegen den Krieg), einer Organisation, die gegen die Fortsetzung des Krieges in Vietnam kämpfte. Das »Statement of Mr. John Kerry« wurde von Beate Koglin übersetzt und ist im Original abgedruckt in: Legislative Proposals Relating to the War in Southeast Asia, Hearings before the Committee on Foreign Relations, United States Senate, Ninety-Second Congress, First Session (April-May 1971), Washington: Government Printing Office, 1971, S. 179-185. Dem »Statement« geht eine Begrüßung des Zeugen durch Senator Fulbright voraus, die hier nicht wiedergegeben wird. Die Zwischenüberschriften stammen von den Herausgebern der Original vorläge.
Aussage von Mr. John Kerry ========================== Haben Sie herzlichen Dank, Senator Fulbright, Senator Javits, Senator Symington, Senator Pell. Ich möchte zu Protokoll geben und dabei zugleich für die Männer hinter mir sprechen, die ebenfalls ihre Uniformen und ihre Auszeichnungen tragen, dass mein Auftritt hier durchaus symbolisch zu verstehen ist. Ich bin nicht als John Kerry hier. Ich bin hier als Mitglied einer Gruppe von Tausend, die ihrerseits eine weitaus größere Gruppe von Veteranen in diesem Land repräsentiert. Und wenn es möglich wäre, dass sie allesamt hier mit am Tisch sitzen könnten, so wären sie alle hier und würden das gleiche Zeugnis ablegen. Ich möchte allerdings nur in sehr allgemeiner Form sprechen. Und ich bitte um Entschuldigung, wenn meine Erklärung so allgemein ausfällt, aber ich habe die Benachrichtigung, dass Sie mich heute hier anhören würden, gestern erst erhalten, und ich fürchte, ich habe wegen dieser Vorladung die ganze Nacht kein Auge zugetan. Keine reelle Chance, mich vorzubereiten.
WINTERSOLDATEN ============== Ich möchte hier also sprechen und dabei alle diese Veteranen mit vertreten. Und ich möchte Ihnen zunächst zur Kenntnis bringen, dass wir vor einigen Monaten in Detroit eine Untersuchung durchgeführt haben, bei der mehr als 150 ehrenhaft entlassene Vietnamkämpfer, viele von ihnen hoch dekoriert, Zeugnis abgelegt haben von Kriegsverbrechen, die in Südostasien begangen wurden. Ihrem Zeugnis zufolge handelte es sich nicht um isolierte Begebenheiten, sondern um Verbrechen, die alltäglich sowie unter den Augen von Offizieren aller Befehlsebenen stattfanden. Ich bin nicht imstande, Ihnen genau zu beschreiben, was sich in Detroit abge- spielt hat, welche Erregung den Raum erfüllte, was die Männer empfanden, die ihre Erlebnisse noch einmal durchlebten. Aber sie taten genau dies, sie durchlebten noch einmal den absoluten Horror, den unser Land sie gewissermaßen exekutieren ließ. Sie erzählten Geschichten, deren Akteure sie selber waren, davon, dass sie vergewaltigt haben, dass sie Ohren oder ganze Köpfe abgeschnitten haben, dass sie die Kabel ihrer tragbaren Telefone an die Genitalien ihrer Opfer angelegt und unter Strom gesetzt haben, dass sie Arme und Beine abgehackt, ganze Körper in die Luft gesprengt, wahllos auf Zivilisten geschossen, das Vieh und die Hunde aus Jux abgeknallt sowie Dörfer in einer Weise dem Erdboden gleichgemacht haben, die nur an Dschingis Khan erinnert. Sie haben in Südvietnam Feld und Flur durchweg verwüstet, und diese Verwüstungen kommen zu den normalen Kriegszerstörungen, vor allem denen infolge der ständigen schweren Bombardements, noch hinzu. Wir nennen unsere Untersuchung »Winter Soldiers Investigation«. Den Ausdruck »Wintersoldaten« verwenden wir analog zu einer Metapher von Thomas Paine, der [im Revolutionsjahr] 1776 von den »Sonnenscheinpatrioten« und »Sommersoldaten« sprach, die sich bei Valley Forge davongemacht haben, weil ihnen das Weitermachen nur Plackerei gewesen wäre. Wir sind hierher nach Washington gekommen, weil wir das Gefühl haben, dass wir nun Wintersoldaten zu sein haben. Wir könnten einfach in dieses Land zurückkehren, könnten Stillschweigen und Ruhe bewahren und brauchten niemandem zu erzählen, was in Vietnam tat- sächlich vor sich ging. Aber wir fühlen, dass die Bedrohung, der dieses Land ausgesetzt ist, von unseren eigenen Verbrechen kommt. Unser Land wird nicht von den Roten bedroht, sondern von den Verbrechen, die wir selber begangen haben. Und das müssen wir offen aussprechen.
WAS DIE RÜCKKEHRER EMPFINDEN ============================ Ich möchte zu Ihnen ein wenig über den Nachhall der Gefühle sprechen, die diese Männer seit ihrer Rückkehr aus Vietnam mit sich herumtragen. Das Land hat davon noch gar nichts zur Kenntnis genommen, doch da ist etwas Monströses entstanden, ein Monster in Gestalt von Millionen von Männern, die man gelehrt hat, sich ganz und gar in Gewalt zu ergehen, denen man die Chance gegeben hat, für das größte Nichts der Geschichte zu sterben, und die nun im Zorn zurückgekehrt sind sowie in dem Gefühl, Betrogene zu sein, einem Gefühl, das noch keiner von ihnen verarbeitet hat. Als Veteran und damit als einer, der solchen Zorn empfindet, möchte ich diesen auch zum Ausdruck bringen. Wir sind zornig, weil wir das Gefühl haben, dass wir von der Regierung dieses Landes auf das Übelste benutzt worden sind. Vizepräsident Agnew sagte 1970 in West Point: »Manch einer verherrlicht die kriminellen Außenseiter unserer Gesellschaft, während unsere besten Männer in den Reisfeldern Asiens ihr Leben lassen für den Erhalt der Freiheit, welche die meisten dieser Außenseiter missbrauchen.« Das war gedacht als eine Art Sammelpunkt für unsere Bemühungen in Vietnam. Doch für uns, als Jungs in Asien, die von ihrem Land doch unterstützt werden sollten, ist dieses Statement eine schreckliche Verzerrung, die in uns nur tiefe Abscheu aufkommen lässt; daher die Wut bei einigen der Männer, die heute hier in Washington sind. Eine schreckliche Entstellung, weil wir uns selbst keineswegs als die besten Männer dieses Landes erachten, weil jene, die unser Vizepräsident Außenseiter nennt, für uns aufgestanden sind auf eine Weise, wie es niemand sonst in diesem Land sich getraut hätte; weil so viele derer, die gefallen sind, in dieses Land zurückgekehrt sein würden, um jene Außenseiter in ihrer Forderung nach einem sofortigen Rückzug aus Vietnam zu unterstützen; weil so viele dieser besten Männer als Gelähmte und Amputierte zurückgekehrt sind und allein gelassen in Veteranenhospitälern liegen, auf denen ebenjene Fahne weht, die so viele sich zu ihrem persönlichen Symbol erkoren haben. Und wir können uns nicht als Amerikas beste Männer erachten, da wir Scham ebenso wie Hass empfinden angesichts dessen, was uns in Südostasien zu tun befohlen ward. Unserer Auffassung und unseren Erfahrungen zufolge geschieht in Vietnam nichts, aber auch gar nichts, was für die Vereinigten Staaten von Amerika eine reelle Bedrohung darstellen könnte. Und der Versuch, den Tod auch nur eines Amerikaners in Vietnam, Kambodscha oder Laos mit dem Argument der Verteidigung der Freiheit zu rechtfertigen, erscheint uns als der Gipfel der Heuchelei, und es ist diese kriminelle Heuchelei, die unser Land auseinander reißt. Ich will nun nicht auf die außenpolitischen Aspekte zu sprechen kommen, weil ich hier deklassiert bin. Ich weiß, dass Sie alle über jede nur erdenkliche Alternative des Rückzugs aus Vietnam diskutieren. Wir verstehen das. Wir wissen, dass Sie die Ernsthaftigkeit des Problems bis zum Äußersten erwogen haben, und ich will das nicht im Geringsten bezweifeln. Aber ich will Ihnen nahe bringen, was viele der in dieses Land zurückgekehrten Männer empfinden. Denn unser Zorn richtet sich vor allem gegen das, was man uns über Vietnam und diesen geheimnisvollen Krieg gegen den Kommunismus erzählt hat. WAS VIETNAM UNS GELEHRT HAT Wir mussten feststellen, dass dies nicht nur ein Bürgerkrieg war, nicht nur ein seit Jahren währender Befreiungskampf gegen jedwede kolonialistische Beeinflussung. Wir mussten vielmehr erkennen, dass die Vietnamesen, die wir geradezu enthusiastisch nach unserem eigenen Bild gezeichnet hatten, genötigt wurden, gegen eine Bedrohung zu kämpfen, vor der wir sie angeblich bewahren würden. Wir mussten feststellen, dass die meisten Leute nicht einmal den Unterschied zwischen Kommunismus und Demokratie kannten. Diese Leute wollten lediglich auf ihren Reisfeldern arbeiten, ohne dass die Bordwaffen der Helikopter sie beschießen und Napalmbomben ihre Dörfer in Brand setzen. Sie wollten von allem, was mit diesem Krieg und zumal mit der Präsenz der Vereinigten Staaten von Amerika zu tun hatte, in Frieden gelassen werden, und ihre Überlebenskunst bestand schließ-
lieh nur darin, dass sie sich jeweils mit denjenigen militärischen Kräften arrangierten, die vor Ort gerade das Sagen hatten, seien dies die Vietcong, die Nordvietnamesen oder die Amerikaner. Wir stellten ebenso fest, dass in jenen Reisfeldern Amerikaner allzu oft nur deshalb starben, weil es ihnen an Unterstützung seitens ihrer Verbündeten mangelte. Wir sahen unmittelbar, wie amerikanische Steuergelder einem korrupten diktatorischen Regime zugute kamen. Wir sahen, dass viele Menschen hierzulande eine recht einseitige Vorstellung davon hatten, wem unsere Flagge Freiheit beschert, derweil schwarze Amerikaner den höchsten Anteil an den Gefallenen hatten. Wir sahen mit an, dass dieses Vietnam von amerikanischen Bomben ebenso wie von Zerstörungsmissionen zu Lande im selben Maße verwüstet wurde wie vom Terror der Vietcong, derweil wir immer nur hörten, diese Verwüstungen gingen allein auf das Konto der Vietcong. Wir zerstörten Dörfer unter dem Vorwand, sie zu retten. Wir sahen, wie Amerika jeden Hauch von Moral verlor, als es, ganz und gar kaltblütig, das Massaker von My Lai einfach hinnahm und sich weigerte, das Klischee vom amerikanischen Soldaten, der Schokolade und Kaugummi verteilt, endlich aufzugeben. Wir lernten, was »Feuer-Frei-Zone« bedeutet, indem wir auf alles schössen, was sich bewegte, und wir erkannten, für wie wertlos unser Land das Leben solcher Asiaten erachtete. Wir erlebten diese ewige Falschmünzerei beim Leichenzählen, das Leichenzählen wurde geradezu glorifiziert. Monat für Monat hörten wir sagen, dass dem Feind alsbald das Rückgrat würde gebrochen sein. Wir kämpften gegen orientalische menschliche Wesen< und gebrauchten dabei Waffen, die, wie ich fest glaube, unser Land nicht im Traum bei einem Kampf auf der europäischen Bühne oder sonst wo außerhalb der Dritten Welt in Gebrauch nehmen würde. Wir beobachteten Männer, die einen Hügel erstürmten, weil ein General ihnen sagte, dass dieser Hügel einzunehmen sei, und die, nachdem sie einen oder zwei Züge ihrer Kompanie verloren hatten, wieder abmarschierten, um die Höhe den Nordvietnamesen zur erneuten Besetzung zu überlassen. Und es war nur falscher Stolz, der es uns erlaubte, die nutzlosesten Schlachten bis ins Extravagante aufzublasen. Konnten wir doch nicht verlieren und uns nicht zurückziehen, und sollte es doch keine Rolle spielen, wie viele tote Amerikaner es kosten würde, um uns das zu beweisen. Und so gab es dann »Hamburger Hügel« und »Khe Sanh« und »Hügel 881« und »Feuerbasis 6« und unzählige andere mehr. Mittlerweile sagt man uns, dass die Männer, die da gekämpft haben, Ruhe bewahren sollen, während weiterhin Amerikaner ihr Leben lassen, damit wir die Idee der Vietnamisierung des Vietnamkrieges, diese unglaubliche Arroganz, in die Tat umsetzen können. Mit jedem Tag, an dem die Vereinigten Staaten weiterhin sich Vietnam von den Händen waschen, hat irgendwer sein Leben hinzugeben, damit wir nur ja nicht einräumen müssen, was die ganze Welt ohnehin schon weiß, dass wir einen Fehler gemacht haben. Irgendwer muss sterben, weil Präsident Nixon, wie er selbst sagt, nicht der erste Präsident sein will, der einen Krieg verliert. Wir fordern die Amerikaner auf, sich das einmal vor Augen zu führen: Wie kann man von einem Mann verlangen, der letzte Mann zu sein, der in Vietnam stirbt, der Letzte, der für einen Fehler stirbt? Aber wir sind im Begriff, genau das zu tun, und wir tun es mit Tausenden von Rechtfertigungen. Und wenn Sie des Präsidenten jüngste Rede vor dem Volk dieses Landes sorgfältig lesen, können Sie sehen, dass er ganz klar sagt: »Aber der Kernpunkt, Gentlemen, der Kernpunkt heißt Kommunismus, und die Frage ist, ob wir dieses Land den Kommunisten ausliefern oder versuchen, dem Volk die Hoffnung auf Freiheit zu geben.« Tatsache aber ist, dass die Vietnamesen derzeit, unter unserem Schirm, nicht ein freies Volk sind. Sie sind kein freies Volk, und wir unsererseits können nicht auf der ganzen Welt den Kommunismus bekämpfen. Ich finde, wir sollten diese Lektion endlich gelernt haben.
UNERWÜNSCHTE VETERANEN ====================== Doch das Problem der Veteranen reicht über den persönlichen Konflikt hinaus. Man erinnert sich jenes Posters mit dem Bild von Uncle Sam, und dieses Bild sagt: »I want you.« Und ein junger Mann kommt gerade von der High School und denkt sich: »Schön, werd' ich also meinem Vaterland dienen.« Also geht er nach Vietnam und schießt und tötet und tut seinen Job, oder vielleicht tötet er auch nicht, vielleicht geht er nur hin und kommt irgendwie wieder zurück, aber wenn er zurückkehrt in dieses Land, dann spürt er, dass er eigentlich nicht erwünscht ist. Die Vietnam-Veteranen weisen die höchste Arbeitslosigkeit auf, und wiederum ein Drittel dieser arbeitslosen Veteranen sind Schwarze. Zwar variieren die genauen Zahlen je nach Quelle, im einen Fall sind 15, im anderen bis zu 22 Prozent aller Veteranen arbeitslos. In jedem Fall jedoch sind die arbeitslosen Veteranen der größte Block unter den amerikanischen Arbeitslosen. Einer von zehn amerikanischen Arbeitslosen ist Veteran des Vietnamkrieges. Quer durchs Land sind die Hospitäler den Anforderungen nicht gewachsen. Nicht, dass sie es nicht versuchten, aber ihnen fehlen die Ressourcen. Jüngst starb in Kalifornien ein Veteran nach einem Luftröhrenschnitt, nicht an der Operation selbst, sondern weil hernach das Pflegepersonal fehlte, um den Tubus von Schleimrückständen zu reinigen, weshalb der Mann erstickte. Anderntags starb ein anderer junger Mann in einem Hospital in New York. Ein Freund von mir lag nur zwei Betten weiter und versuchte ihm zu helfen. Doch er scheiterte, er klingelte und rief nach dem Pflegepersonal, und niemand ward gesehen, weshalb der Mann unter Krämpfen zugrunde ging. Wie ich höre, reden 57 Prozent der Veteranen in den Hospitälern von Selbstmord, 27 Prozent haben es versucht, und sie versuchen es, weil sie zurückgekehrt sind in dieses Land und sich nun mit alldem konfrontieren müssen, was sie in Vietnam angerichtet haben, um freilich dann auf nichts als Gleichgültigkeit zu stoßen, auf die Indifferenz eines Landes, das mit alldem nichts zu tun haben will, absolut nichts zu tun haben will.
KEINERLEI ENTRÜSTUNG IN DEN VEREINIGTEN STAATEN =============================================== Und so stehen wir vor einer Situation, bei der einem übel werden kann: Es gibt keine moralische Empörung in diesem Land, oder falls doch, so kommt sie von Leuten, die infolge all ihrer früheren Unwillensbekundungen schon fast keine Kraft mehr haben, wie viele der Männer, die hier versammelt sind. Das Land liegt danieder, du sagst »Laos« und vernimmst nur Achselzucken, ganz so wie die Leute siebenhunderttausend Tote in Pakistan, das so genannte größte Desaster aller Zeiten, mit einem Achselzucken abtun. Aber wir Veteranen glauben, dass dies hier das größte Desaster aller Zeiten ist, weil da drüben weiterhin gestorben wird. Amerikaner sterben da und Vietnamesen, und nun erörtern wir, das Land zu verlassen, damit die Einheimischen noch auf Jahre hinaus sich gegenseitig umbringen können. In Amerika scheint man sich mit der Vorstellung anzufreunden, dass dieser Krieg zumindest für uns Amerikaner zurückgeschraubt werden könne, und man scheint es ebenso hinzunehmen, dass die Leichen, die man bislang in die Statistik gepackt hat, um vom bevorstehenden Sieg zu künden, nun nur noch davon zeugen, dass es da Männer gab, die Befehlen gefolgt sind. Wir Veteranen können es zudem nur mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen, wie sehr dieses Land sich weigert zu sehen, dass es absolut keinen Unterschied gibt zwischen Bodentruppen und Helikopter-Mannschaften. Die Regierung behauptet einen solchen Unterschied, und da wir in Laos keine Bodentruppen haben, ist es völlig okay, die Laoten per Fernsteuerung abzu- knallen. Aber glauben Sie mir, diese Hubschrauberleute füllen dieselben Leichensäcke und richten dieselben Verwüstungen in der laotischen Landschaft an. Und der Präsident redet davon, dass dergleichen noch viele Jahre so weitergehen wird. Da muss man sich doch fragen, ob wir wirklich erst dann zufrieden sein werden, wenn wir in Hanoi einmarschieren.
DER KONGRESS MUSS TÄTIG WERDEN ============================== Wir fordern hier in Washington, dass der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika in Aktion tritt. Der Kongress hat die Macht, Armeen aufzustellen und zu unterhalten, und er hat das verfassungsmäßige Recht, einen Krieg zu erklären. Wir wenden uns weniger an den Präsidenten als vielmehr an diese Körperschaft, weil nur sie sich vor dem Willen des Volkes verantworten kann. Und wir sind der festen Überzeugung, dass der Wille des Volkes nur eines sagt: Unverzüglich raus aus Vietnam. WEITERUNGEN DES PROBLEMS Wir wollen hier in Washington auch darauf hinweisen, dass das Problem dieses Krieges nicht allein eine Frage von Politik und Diplomatie ist. Es ist vielmehr integraler Bestandteil aller zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Land. Da ist beispielsweise das Problem des Rassismus, der sich beim Militär zügellos austobt. Da ist die Heuchelei im Hinblick auf die Genfer Konvention, auf die wir uns beziehen, um die Fortsetzung des Krieges zu rechtfertigen, obwohl wir selbst mehr als alle anderen diese Konvention verletzen, in den >Feuer-Frei-Zonen<, mit unseren Bombardements und gezielten Verwüstungsaktionen, mit dem Foltern und Töten von Gefangenen, und was sonst noch die akzeptierte Politik unserer Einheiten in Südvietnam sein mag. Ein amerikanischer Indianer, ein Freund von mir, Angehöriger der indianischen Nation von Alcatraz, hat es mir gegenüber einmal auf den Punkt gebracht. Er erzählte mir, wie er als Kind in seinem Reservat vor dem Fernseher gesessen und immer wieder Cowboys gesehen hat, die Indianer erschießen. Und nun, in Vietnam, kam er plötzlich zu sich und sagte: »Mein Gott, ich tu diesem Volk genau dasselbe an, das meinem Volk angetan worden ist.«
WO SIND DIE FÜHRER? =================== Wir sind ebenfalls hier, um mit Nachdruck zu fragen: Wo sind die Führer unseres Landes? Wo sind McNamara, Rostow, Bundy, Gilpatric und all die anderen? Wo sind sie nun, da wir, die Männer, die von ihnen in den Krieg geschickt wurden, heimgekehrt sind? Diese Leute gleichen Kommandeuren, die ihre Truppen im Stich gelassen haben, und das ist, gemäß den Regularien der Kriegsführung, das schlimmste Verbrechen überhaupt. Die Armee sagt, dass sie niemals ihre Verwundeten im Stich lässt. Die Marines sagen, dass sie nicht einmal ihre Toten zurücklassen. Die politischen Führer unseres Landes jedoch haben die Gefallenen ebenso wie die Zurückgekehrten unter dem Schutz und Schirm der öffentlichen Rechtschaffenheit im Stich gelassen. Sie haben das Kernstück ihrer Reputation unter der Sonne dieses Landes ausbleichen lassen.
DIE REGIERUNG VERSTÖSST DIE VETERANEN ===================================== Schlussendlich: Diese Regierung bedenkt uns nur mit Schimpf und Schande. Sie verweigert uns jede Anerkennung für die Opfer, die wir für dieses Land gebracht haben. In ihrer Blindheit und ihrer Furcht versucht sie zu leugnen, dass wir Veteranen sind und in Vietnam gekämpft haben. Aber wir haben es nicht nötig, dass die Regierung für uns in den Zeugenstand tritt. Unsere Traumata und unsere Narben und unsere zu Stumpen verkommenen Gliedmaßen sind Zeugen genug, für uns selber ebenso wie für andere. Wir wünschten uns einen barmherzigen Gott, der unsere Erinnerungen an unseren Vaterlandsdienst mit derselben Leichtigkeit wegwischen würde, wie die Regierung sich die Erinnerung an uns von der Brille pustet. Doch die Verantwortlichen können uns verleugnen, wie sie wollen, sie machen uns damit nur umso mehr klar, was unsere ureigenste Bestimmung, ja, unsere Mission ist: nämlich die letzte Wurzel dieses barbarischen Krieges aufzuspüren und auszuheben, unsere Herzen zu befrieden, den Hass und die Furcht zu besiegen, die unser Land in den letzten zehn und mehr Jahren so sehr beherrscht haben. Auf dass dann, vielleicht in dreißig Jahren, unsere Brüder durch die Straßen gehen, dem einen fehlt ein Arm, dem anderen ein Bein, und ein dritter hat eine Fratze statt eines Gesichts, und kleine Jungs 196 kommen und fragen, warum, und wir dann imstande sind zu sagen: »Vietnam.« Und dass wir das dann ohne Ausflüchte sagen und ohne diese obszönen Erinnerungen, sondern in dem klaren Bewusstsein, dass Vietnam der Ort war, an dem Amerika endlich zur Umkehr gefunden hat, und dass es Soldaten wie wir waren, die Amerika zur Umkehr verholfen haben. Ich danke Ihnen.
zitiert nach: Martin Schwarz: "John Kerry. Amerikas Chance", Knaur Taschenbuch Verlag, Juni 2004, ISBN 3-426-77791-6, Anhang, Seiten 183-197
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