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Irakische Frauen und Mädchen zwischen Demokratie

Irakische Frauen und Mädchen zwischen Demokratie  
Maurice Merlin
From:Maurice Merlin
Subject:Irakische Frauen und Mädchen zwischen Demokratie
Date:18 Nov 2004 05:22:01 GMT
## Nachricht zur Information/Dokumentation weitergeleitet


VERANSTALTUNG

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Anlage übersenden wir eine Ankündigung zur Veranstaltung »Der
Krieg im Inneren - Irakische Frauen und Mädchen zwischen Demokratie
und Terror« - 26. November 2004, 19:00 Uhr, Humboldt-Universität
Berlin - zu der wir Sie herzlich einladen.

Die ReferentInnen Adrin Takhsh, Amira Voss, Mary Kreutzer und
Christian Knoop werden über die Situation vor und nach dem Sturz
Saddam Husseins berichten, über die Schwierigkeiten und Erfolge
irakischer Frauen bei ihrem Kampf um mehr Rechte, über die nach wie
vor weit verbreitete häusliche Gewalt, Genitalverstümmlungen und
sogenannte »Gewalt der Ehre« und Konzepte, gegen diese Gewalt
vorzugehen und den Opfern zu helfen.

Im Anschluss der Veranstaltung stehen die ReferentInnen für
Interviews und Gespräche zur Verfügung.

Auf Wunsch stellen wir gerne auch einen direkten Kontakt zu
Projekten vor Ort und/oder unserem Büro im Irak her, wo sich zur
Zeit auch einer unserer deutschen Mitarbeiter befindet.
Informationen zu WADI - Verband für Krisenhilfe und solidarische
Entwicklungszusammenarbeit und zu den Hilfsprojekten von WADI im
Irak finden Sie im Internet unter www.wadinet.de.

Sollten Sie bereits jetzt mehr Information zum Thema wünschen, so
senden wir Ihnen auf Anfrage gerne eine Textsammlung zur Situation
von Frauen im Irak zu.

Über Ihr Interesse würden wir uns sehr freuen.

Mit freundlichem Gruß

Thomas Uwer
für WADI
Direktkontakt - 0172 - 3052691

WADI e.V.
Herbornerstr. 62
60439 Frankfurt/Main


++++++++++++++++++++++

Anlage

Der Krieg im Inneren
Irakische Frauen und Mädchen zwischen Demokratie & Terror

Freitag, 26. November 2004 | 19.00 Uhr
Humboldt-Universität| Hauptgebäude|
Unter den Linden 6|Raum 30.38

Eine Veranstaltung von WADI e.V. -
Verband für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungs-
zusammenarbeit, mit Unterstützung des Europäischen Zentrums
für kurdische Studien/Berlin, des RefRats der HU-Berlin und
der Kurdistan AG der FU-Berlin.

Terror und Gewalt kennzeichnen das Bild des Irak auch anderthalb
Jahre nach dem Ende des Krieges. Entwicklungen, die außerhalb der
Auseinandersetzung zwischen der irakischen Übergangsregierung und
den Koalitionstruppen auf der einen, islamischen und
nationalistischen Terroristen auf der anderen Seite liegen, werden
zumeist nur am Rande wahrgenommen. Zumal über die Situation
irakischer Frauen, die mit dem Sturz des Ba'thstaates die Hoffnung
auf mehr Rechte und eine größere Beteiligung an den politischen
Entwicklungen des Landes verbanden, herrscht weitgehend Unkenntnis.
Bis heute hat sich das Bild eines zwar diktatorischen aber doch
säkularen Staates erhalten, der Frauen stärker als in anderen
Ländern der Region an Bildung und Wirtschaftsleben partizipieren
ließ. Tatsächlich aber litten Frauen unter dem Regime Saddam
Husseins unter einer Vielzahl von Repressionen. Nach dem Sturz der
Diktatur sind im ganzen Irak Fraueninitiativen entstanden, die sich
für mehr Rechte und eine stärkere Beteiligung von Frauen in
politischen Gremien und dem öffentlichen Leben einsetzen. Im
Frühjahr 2004 verhinderten irakische Frauenrechtlerinnen, dass
Regelungen aus der Scharia im Familien- und Zivilrecht übernommen
wurden, wie es islamische Parteien im Regierungsrat durchsetzen
wollten. Vielerorts sind Frauenzentren entstanden, in denen Opfer
männlicher Gewalt betreut werden oder Frauen eine Ausbildung
erhalten. Doch Aktivistinnen und Initiativen sind immer stärker
bedroht vom Terror islamistischer Gruppen vor allem im Zentralirak.
Häusliche Gewalt, sogenannte »Verbrechen der Ehre« und auch
Genitalverstümmlungen sind vor allem in ländlichen Regionen
verbreitet.

Über die Situation der Frauen im Irak und die Bewältigung der
diktatorischen Vergangenheit, über den Terror islamistischer und
nationalistischer Gruppen sowie über die Chancen und Perspektiven
irakischer Frauen sprechen:

Adrin Takhsh, Assyrische Frauenunion in Deutschland, Rüdesheim

Adrin Takhsh wird über die Situation im Zentralirak und vor allem in
Bagdad berichten, über die Gewalt islamischer Milizen gegen Frauen
und die Probleme irakischer Christinnen, sich gegenüber der Gewalt
zu behaupten.

Amira Voss, irakische Juristin, Berlin

Amira Voss wird über die (rechtliche) Situation von Frauen vor und
nach dem Sturz des Ba'thregimes sprechen, über Entwicklungen im
Nordirak, wo Fraueninitiativen bereits seit Jahren aktiv für mehr
Rechte streiten sowie über die Chancen und Perspektiven der
Beteiligung von Frauen an einem neuen Irak.

Mary Kreutzer, Projektleiterin WADI/Österreich, Wien

Mary Kreutzer wird über ihre Erfahrungen der konkreten Arbeit mit
Frauen im Nordirak sprechen, wo WADI Frauenzentren unter anderem in
der Hauraman-Region unterstützt, die jahrelang von der
radikal-islamischen »Ansar al-Islam«-Miliz kontrolliert wurde, sowie
über Gewalt gegen Frauen und Genitalverstümmlungen.

Christian Knoop, WADI, Frankfurt/Main

Christian Knoop forscht über Geschlechterverhältnisse und
Homoualität im Nahen Osten. Er wird über die Probleme der
männlich dominierten Gesellschaft, über Sexualvorstellungen und die
Folgen für das Geschlechterverhältnis sowie die Vorstellungswelt
gewalttätiger Männer sprechen.


Hintergrund: Frauen im Irak

Das Erbe der Diktatur

Die Aufgabe, die den irakischen Frauen unter dem Ba'thstaat zukam,
beschrieb 1991 die staatseigene Zeitung »Al-Jumhurriyah«
folgendermaßen: »Jede irakische Mutter muss ihrem Säugling
beibringen, wie man schießt, kämpft und heldenhaft stirbt.« Der
radikale Nationalismus der Ba'thpartei war - vom Bild des »gütigen
Vaters« Saddam Hussein und dem des Volkes als »unschuldig und rein«
bis zur Kennzeichnung westlich-liberaler Demokratie als »Hure« -
vollständig von einer männlichen Vorstellungswelt geprägt. In der
alltäglichen Praxis hatten Frauen praktisch keinerlei Möglichkeiten,
an politischen Entscheidungen zu partizipieren. Im Gegenteil: Obwohl
der irakische Staat gerne damit warb, Schutz und Gleichberechtigung
von Frauen rechtlich zu garantieren, wurden die Rechte irakischer
Frauen stark eingeschränkt. Frauen durften nicht ohne männliche
Begleitung das Land verlassen; innerfamiliäre Gewalt gegen Frauen
aus »Gründen der persönlichen Ehre« bis hin zum Mord waren per
Gesetz ausdrücklich erlaubt (die UN Frauenorganisation UNIFEM
schätzt, dass mehr als 4.000 Frauen im Rahmen dieser Gesetzgebung
legal ermordet wurden); Vergewaltigungen und Folter weiblicher
Angehöriger wurden regelhaft eingesetzt, um Aussagen Inhaftierter zu
erpressen; Frauen, der Prostitution beschuldigt, wurden öffentlich
enthauptet. Gewalt und Angst prägte das Verhältnis von Bürger und
Staat.

Terror und Ausnahmezustand

Islamistische und nationalistische Rebellengruppen setzen diese
Gewalt fort. Islamische Milizen zwingen Frauen zur Verhüllung,
halten Mädchen vom Schulbesuch ab und bedrohen Frauen, die sich
ihrem Zwangsregime widersetzen. Im September 2003 wurde Aqila
al-Hashimi, eine der damals drei Frauen im Regierungsrat, ermordet,
im März 2004 starb die amerikanische Frauenrechtlerin Fern L.
Holland bei einem gezielten Anschlag. Frauenaktivistinnen,
Richterinnen und Anwältinnen, Journalistinnen und Lehrerinnen, die
in der Öffentlichkeit auftreten, werden regelmäßig bedroht. Zu
Opfern der Gewalt werden auch Frauen, die mit der
Koalitionsverwaltung »kollaborieren«, wie vier Wäscherinnen, die in
Bagdad im Januar 2004 ermordet wurden. Das Klima allgemeiner Angst
und Gewalt in den Unruheregionen trifft Frauen auf vielfältige
Weise. Frauen und Mädchen trauen sich in diesen Gebieten vielfach
nicht, das Haus zu verlassen, weil »Aufständische« - die sich zum
großen Teil aus den ehemaligen Mitarbeitern der Armee und der
Sicherheitskräfte der gestürzten Diktatur, aus perspektivlosen
jungen Männern und Kriminellen rekrutieren - rücksichtslos gegen
Zivilistinnen vorgehen. Human Rights Watch berichtet von einer hohen
Zahl an Vergewaltigungen, Entführungen und Morden an Frauen.

Häusliche Gewalt und gesellschaftlicher Ausschluss

Äußere Gewalt und Bedrohung werden regelhaft nach Innen
weitergeleitet. Die Legalisierung häuslicher Gewalt gegen Frauen
unter Saddam Hussein hat zu einer vollständigen Verfügungsgewalt der
Männer über ihre weiblichen Angehörigen geführt. Frauen, die
vermeintlich die Ehre der Familie verletzt haben, werden nicht
selten grausam ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Zwangsehen
und Genitalverstümmlungen sind in ländlichen Gebieten nach wie vor
verbreitet. Frauen werden vielfach daran gehindert, Schulen zu
besuchen oder eine Ausbildung zu absolvieren. Über 40 % der
irakischen Frauen, schätzt die Weltbank, sind Analphabetinnen. Vor
dem Irakkrieg besuchten in den von der Hussein-Regierung
kontrollierten Gebieten lediglich 35 % der Mädchen eine Schule.
Frauen sind in besonderem Maße auch von der ökonomischen Situation
des Landes getroffen. Nur etwa 10 % der Frauen gingen der UN
Entwicklungsorganisation UNDP zufolge vor dem Krieg einer
»wirtschaftlichen Tätigkeit« nach, während die Zahl der weiblich
geführten Haushalte in Folge von Kriegen und Säuberungskampagnen,
bei denen Männer verschleppt oder getötet wurden, enorm angestiegen
ist. Der Human Development Report der Vereinten Nationen listete den
Irak 2002 auf Platz 126 von insgesamt 174 Staaten ein, was
Gleichberechtigung und Frauenrechte betrifft.

Fraueninitiativen und demokratischer Wiederaufbau

Etwa 60 % der irakischen Bevölkerung sind weiblich. Mit dem Sturz
Saddam Husseins sind im gesamten Land Fraueninitiativen entstanden,
die für mehr Rechte und eine stärkere Beteiligung von Frauen an
politischen Entscheidungen eintreten. Anlaufstellen wurden eröffnet,
in denen Frauen in Krisensituationen und Opfer männlicher Gewalt
professionelle Hilfe finden, aber auch Frauenzentren mit
Ausbildungskursen, Internetcafés und Frauenbibliotheken. Auf
mehreren Konferenzen haben sich irakische Frauen für eine stärkere
Repräsentation in der Übergangsregierung eingesetzt und verhindert,
dass Regelungen aus der Scharia im Familien- und Zivilrecht
übernommen wurden, wie es islamische Parteien im Regierungsrat
durchgesetzt hatten. Im 25-köpfigen Übergangsrat befand sich bis
Juni 2004 lediglich eine Frau. Von den 30 Ministern der jetzigen
Übergangsregierung sind sechs weiblich. Die Übergangsverfassung legt
für die Nationalversammlung eine Quote von 25 % weiblicher
Abgeordneter fest. In allen Teilen des Landes engagieren sich
Frauenrechtlerinnen gegen die »Geschlechterapartheid« im Irak.

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Europäisches Zentrum für kurdische Studien
Berliner Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie e. V. (BGFK)
Emser Straße 26
12051 Berlin
Germany

Tel.: ++49 - [0]30 - 62 60 70 32
Fax: ++49 - [0]721 - 151 - 30 34 61
   

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