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[Tsp] Tunnelmonster verabschieden

[Tsp] Tunnelmonster verabschieden  
Thomas Krickstadt
From:Thomas Krickstadt
Subject:[Tsp] Tunnelmonster verabschieden
Date:11 Jan 2005 22:06:26 GMT
Hallo,

im Tagesspiegel vom 12.1.2005 wird in der etwas schrägen
Rubrik "Was machen wir heute?" eine Geschichte zu den
Verteilergeschossen unter dem Alexanderplatz und den
angrenzenden großen Straßenkreuzungen veröffentlicht.
Darin wird mit einer unverständlichen Begründung auch
behauptet, dass die "Tunnel" demnächst aufgegeben und
zugemauert werden sollen, stimmt das?

Tunnelmonster verabschieden

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Vor gut 27 Jahren begann die Feindschaft meiner Mutter
zu einem Architekten. Sie hatte zwei Töchter, eine im
Kinderwagen, die andere noch nicht gut zu Fuß. Zweimal
täglich mussten wir zum Alexanderplatz, weil da die
U-Bahn abfuhr. Der Alex war eine Insel, umringt von
Geländern. Als Fußgänger konnte man ihn nur über Tunnel
erreichen. In diese Tunnel führten weder Rolltreppen,
noch Fahrstühle, dafür aber sehr viele Stufen. Meine
Mutter brauchte für jede Durchquerung zwei Helfer:
einen zum Mitschleppen des Kinderwagens und einen zum
An-die-Hand-Nehmen der Großen.

Der Mann, der den Alex zur Insel gemacht hatte, war der
oberste Stadtplaner der Hauptstadt der DDR. Meine Mutter
hat ihn gehasst. Viele Briefe hat sie ihm geschrieben,
und er dachte gar nicht daran, seine Tunnel zu ändern.
Auf einer sozialistischen Großstadtstraße sollten keine
Fußgänger herumirren.

Irgendwann hörte meine Mutter auf, Eingaben zu schreiben.
Was blieb, war ihr Hass auf Tunnel und Architekten. Als
es mit der DDR und mit dem sozialistischen Städtebau zu
Ende ging, erwartete ich, dass zuallererst das
Tunnelmonster verschwindet. Nichts. Es ist immer noch da.

Nun aber steht der historische Sieg bevor: Der Tunnel
wird noch dieses Jahr geschlossen. Und zwar wegen der
neuen Straßenbahnlinie, die an der Kreuzung hinter dem
Kaufhof eine Haltestelle bekommen wird. Um zu ihr zu
gelangen, braucht man wohl oder übel einen Überweg.

Allerdings: Der Tunnel wird nicht zugeschüttet, nur die
Eingänge werden vermauert - eine Gelegenheit, die sich
Untergrundkünstler nicht entgehen lassen sollten. Bisher
war ihre Streetart im Tunnel zwar spektakulär, leider
aber auch illegal. Kurz vor der Schließung sollten sie
sich um eine anständige Höhlenmalerei kümmern. Damit
in 1500 Jahren, wenn, sagen wir mal, chinesische
Archäologen die Spuren der verschwundenen deutschen
Hauptstadt freilegen, auch ein paar hübsche Dinge unter
Tage auftauchen. Und nicht nur viele Stufen zu schmutzig-
gelben Fliesen.

Britta Wauer

Alte Tunnel, U-Bahnstrecken und Luftschutzbunker lassen
sich mit dem Verein "Berliner Unterwelten" entdecken.
Telefon: 49910518, Internet:




Gruß, Thomas (Oder ist dieser Artikel eine Werbekampagne ;-)
--
Thomas Krickstadt, Berlin, Germany,
   

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