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Montagsdemos mit Studenten?

Montagsdemos mit Studenten?  
Jan-H. Raabe
From:Jan-H. Raabe
Subject:Montagsdemos mit Studenten?
Date:12 Aug 2004 07:38:50 GMT

Typisch - prompt zu den Ferien geht das Thema wieder los
in der veroeffentlichten Meinung.


Ausgerechnet die Fans der freien Wirtschaft, die sonst immer
fuer ''weniger Staat'' und Steuersenkungen plaedieren, votieren
auf einmal fuer die Einfuehrung von (Studien-) Gebuehren.
Wundert sich jemand?

Vielleicht nicht so sehr, denn sie fordern im Sinne von Sankt
Florian (''Verschon' mein Haus, zuend' and're an!'') die
Gebuehren nicht von der Industrie oder eine bessere Finanzierung
von Staat und Land, sondern einfach von anderen Leuten, von den
Studenten. Die Lobby will Geld von der schwaechsten Gruppe mit
dem geringsten Organisationsgrad: den 'kleinen Leuten'.

''Sozialvertraeglich'' natuerlich - was das bedeutet, erkennt
derjenige, der die Bafoeg-Finanzierung der letzten Jahre
betrachtet.


Werbung statt Debatte

Nicht dass diese handaufhaltenden 'Bildungspolitiker' fuer
allgemein hoehere Steuern plaedieren, um die maroden Hochschulen
zu renovieren - dafuer ist kein Geld da - oder wenigstens fuer
eine Umverteilung innerhalb der Haushalte. Stattdessen wird fuer
Gebuehren plaediert, und man tut so, als ob die im Verhaeltnis
immer noch geringen Summen die schlechte Situation an den
Schulen korrigieren koennten.

Es sind die Vertreter der Medienkonzerne wie Bertelsmann und
seinem C.H.E., die seit Jahren fuer die Einfuehrung von
Gebuehren trommeln.

Begruendet in der Debatte wird das nicht, abgesehen von dubiosen
Scheinargumenten wie ''Was nix kostet, ist auch nix'', und den
Studenten muesste so ein Gefuehl fuer den Wert ihrer Ausbildung
vermittelt werden. Dann sind sie 'Kunden', studierten schneller
und 'gezielter' (auf die Rente hin ?), und alles waere viel
bessser, oder so. Es gibt keine Diskussion, es einfach nur
behauptet und als 'Tatsache' praesentiert. Werbung laeuft wie
Gaensefuettern: Schnabel auf und immer rein. Der Kunde wird
fressen, frueher oder spaeter. Es winken astronomische Gewinne
auf dem bundesdeutschen 'Bildungsmarkt'.

Da werden in zeitlichen Abstaenden immer wieder 'Umfragen'
veroeffentlicht, in denen Studenten erklaeren, sie waeren 'fuer'
Studiengebuehren, wenn ... ohne dass man in den Fragebogen eine
Wahlmoeglichkeit 'keine Gebuehren' gelassen haette.

Das traurige ist: das publizistische Trommelfeuer funktioniert.
Die Studenten und ihre Eltern gewoehnen sich daran. ''Die
Gebuehren kommen - so sicher wie das Maeuse-Gen im Gemuese''.
Man muss nur oft genug ein 'natuerlich' oder ein
'selbstverstaendlich' in den Satz mit der Behauptung einbauen.


Orwell'scher 'Newspeak'

Letztendlich geht es offensichtlich um die Einfuehrung von
marktwirtschaftlichen Beziehungen im Eltern-Kind- oder Erzieher-
Kind-Verhaeltnis, damit man anschliessend 'Informations-
Produkte' - aehnlich wie Musik-CDs, Pop-Videos, oder auch
Nachrichten im Privat-TV - verkaufen kann. Dazu muss man
natuerlich erst die privaten Tauschboersen dichtmachen, um den
Markt unter Kontrolle zu kriegen - oder im Fall oeffentlicher
Universitaeten: man muss ihnen einreden, als Kunden sind die
Kinder allgemein besser dran.

Wie diese Form von 'Bildung' aussehen kann, erkannt man an den
Nachrichten der privaten Fernsehsender (oder auch an den
Murdock'schen TV-Produkten): regierungsfreundlich, bunt,
unverbindlich.


Fuer Aus- und Weiterbildungszertifikate brauch man einen Markt,
aber den muss man erst schaffen, sonst kauft die breite Masse
den teuren Ramsch von 'B international' nicht. International
gueltige Abschluesse wie den internationalen Baccalaureus gibt
es zwar schon, aber nur fuer eine duenne Schicht sehr
zahlungskraeftiger Kunden. Will man mit Bildung ein Geschaeft
machen, muss man zunaechst die laestige staatliche Konkurrenz
eliminieren, indem man dem 'Markt' (lies: Eltern und Kindern)
einredet


Soziale Selektion in den Schulen

Die Pisa-Studie hatte auf die bestehende soziale Selektion in
deutschen Schulen hingewiesen. Was der 'Informations-Konzern'
Bertelsmann nun an den Hochschulen mit der sozialen Struktur in
Deutschland veranstalten will, ist fuer die Firma etwa genauso
wichtig wie sauberes Grundwasser fuer einen Chemiekonzern, oder
Asthma bei Kindern durch Dieselruss fuer einen
Automobilproduzenten: Hauptsache Scheerhoulderwellju.


Mal sehen, ob die Studenten die Bedeutung der Montagsdemos
erkennen. Ein bisschen 'Krieg den Palaesten, Friede den Huetten'
waere angemessen nach der Kohl-Schroeder-Aera, ein paar
Montagsdemos mit Studis (Hartz IV ist schliesslich nicht die
Krankheit, sondern nur _ein_ Symptom) - ein kleines bisschen
Rollback fuer die NeoKons, die die Realeinkommen und die
Binnenkaufkraft seit Jahren immer nur schrumpfen lassen, und
immer nur Wirtschaftswachstum wie Manna vom Himmel predigen, das
natuerlich auch nicht kommt.


Draco dormiens nunquam titilandus.
   

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